Der Weg zu einer Ausstellung, Investitionsbereitschaft und Kunst im Marketing
Im Netz gelingt es auf den ersten Blick kaum, professionelle Künstler von nebenberuflichen oder Hobby- Künstlern zu unterscheiden. Das Internet erhöht so auch die Chance für jeden, von potentiellen Ausstellern besucht zu werden. Tür an Tür surft der oder die Kunstinteressierte von einem Angebot zum nächsten. Er oder sie ist aufgefordert, die Qualität des Gezeigten selbst zu beurteilen. Will man nicht die selbst empfundene bzw. eingeschätzte Qualität des Gesehenen allein als Indiz für das Niveau des Künstlers oder der Künstlerin annehmen, orientiert man sich wohl zunächst am besten in der Vita und in der Ausstellungsübersicht nach dem Grad der Professionalität des/der Kunstzeigenden.
Bei mir zum Beispiel entdeckt man dort schnell, dass ich Kunst nicht studiert habe, bei keinem anderen Künstler in der Lehre war und noch einem anderen Beruf nachgehe. Das Fehlen von Kunstmessen und Galerie-Terminen in meiner Ausstellungsliste lässt daneben darauf schließen, dass die Qualität meiner Werke nicht ausreichend ist, eine entsprechende Teilnahme bzw. Ausstellung zu organisieren.
Wirklich? Nein, ganz so einfach, wie ich immer dachte, scheint es nicht so sein.
Das Fehlen entsprechender Punkte in der Vita und in der Ausstellungsliste ist nicht automatisch ein Indiz für die Qualität des Geschaffenen, sondern kann (vielleicht neben mehreren anderen) auch zwei andere Gründe außerhalb der Kunstqualität haben:
Investitionsbereitschaft der/des Kunstschaffenden
Bereitschaft, eigentümliche Erwartungen der Aussteller zu billigen.
Die Investitionsbereitschaft…
… der/des Kunstschaffenden ist gefragt, wenn es um Ausstellungen in Galerien und Messen geht. In diesem Bereich scheint der Glaube, ein (das Kunstgeschäft erst angehender) Künstler werde von Galerie entdeckt und gefördert, eher ein Irrglaube zu sein. Will man die erste Schritte in die Ausstellungen und Messen der Profilieger machen, scheint in aller Regel das übliche Geschäftsdenken – erst investieren, später verdienen – insoweit zu greifen, dass die Kunst allein nicht Investition genug ist, sondern dass Bares gefragt ist, damit eine Galerie Werke zeigt.
Entsprechende Angebote, gegen entsprechende Honorierung (Ausstellungsbeteiligung) Ausstellungen zu organisieren, erreichten mich dieses Jahr auch erstmals von normalen deutschen Galerien mit festem Ausstellungssitz. Zuvor erhielt ich solche Offerten nur von zweifelhaften Internet-Dienstleistern, die in weit entfernten, wohl klingenden Städten große Vernissagen versprachen.
Gerade bei letzteren ist es nicht einfach, Bauernfänger oder besser: “Freizeit-Maler-mit-Hybrisanfällen-Fänger” von rechtschaffenen Angeboten zu unterscheiden. Mit dem Stolz mancher Freizeitkünstler und Freizeitkünstlerinnen lässt sich auf diesem Weg sicher Geld verdienen – und zwar womöglich auch so, dass der/die Kunstschaffende wenig davon hat.
In der newsgroup de.rec.kunst.misc wurde dieses Problem bereits ambivalent diskutiert. Einmal in die Richtung, dass man diesen Ködern nicht folgen soll, aber andererseits auch, dass es nun mal so läuft und dass es wie in jedem Geschäft zu Investitionen kommt.
So bringt ein Vergleich von Ausstellungslisten sicher nicht allein eventuelle Qualitätsunterschiede zu Tage, sondern auch die Unterschiede zwischen Kunstschaffenden mit ausreichend Geld und Investitionsbereitschaft und eben solchen, die aus verschiedenen Gründen zu den entsprechenden Investitionenen nicht bereit sind. Mir scheint, dass manch einer Galeriepräsentation deswegen zuweilen weniger Bedeutung beizumessen ist als es früher für mich den Anschein hatte.
Die Bereitschaft, eigentümliche Erwartungen der Aussteller zu billigen…
…war die zweite oben erwähnte (von Qualitätsunterschieden unabhängige) Ursache für das Vorhandensein oder das Fehlen von Ausstellungsgigs. Was meint “eigentümliche Erwartungen der Aussteller”?
Gerade Kunstschaffende am Anfang der Karriere oder aus dem nicht-professionellen Bereich greifen zum Präsentieren ihrer Kunst auf Möglichkeiten zurück, die Firmen und öffentliche Einrichtungen anbieten. So bieten zum Beispiel Banken, Sparkassen, Hotels und größere Firmen aus Marketingaspekten (in der Regel regional) Ausstellungsmöglichkleiten an. (Größere Firmen und Einrichtungen vergeben aus den gleichen Marketinggründen Stipendien oder veranstalten Wettbewerbe, wie sie in Kunstzeitschriften oder auf www.kunstundkarriere.de
veröffentlicht werden.)
Der normale Deal scheint einfach: die Firma/die Bank usw. bringt sich durch das anstehende Kulturereignis positiv ins Gespräch und in die Presse. Das durch diese Aktion entstehende Etikett der Kunst-/Kulturförderung schmückt und dient einer gewissen Selbstdarstellung. Daneben bietet es Kunden und potentiellen Neukunden ein besonderes Ereignis und bringt nebenbei oftmals eine Aufwertung weißer Wände mit sich. Im Gegenzug bietet der Veranstalter dem Künstler oder der Künstlerin mit einer besonderen Veranstaltung mit der Kunst als Mittelpunkt (oft eine Vernissage) ein Forum, seine Arbeiten zu präsentieren und zu verkaufen. Dieser Deal geht nach meinen Erfahrungen und Berichten anderer Künstlerinnen und Künstler zu allermeist glatt auf.
Durch eine negative Erfahrung wurde mir in diesem Herbst klar, dass der Künstler und die Künstlerin sich nicht blind auf Einhalten dieses Deals verlassen kann. So sagte die Unilog Integrata AG (Standort Frankfurt) eine geplante und von mir längst vorbereite Vernissage ab, weil sich nicht genügend ihrer Kunden angemeldet hatte. Mir wurde nicht ermöglicht, meine Kunstinteressierten in ausreichender Zahl einzuladen. Im Glauben, die Firma könne ein entsprechendes Forum bieten, ließ ich mich weiterhin auf den Deal ein. Aber als die Anzahl ihrer Kunden zu gering wurden, spielten meine Kunden und mein Vorbereitungsaufwand keine Rolle mehr. Der vermutete partnerschaftliche Deal ist demnach nur ein scheinbarer gewesen.
Beachtenswerte Punkte bei der Vorbereitung einer Ausstellung:
Nimmt man an, dass es noch andere Aussteller gibt, die Ausstellungsvorbereitungen nicht wirklich partnerschaftlich, sondern vielmehr einseitig angehen, sollte sich die Künstlerin und der Künstler durch die Bachtung einiger Punkte vor einem Crash schützen.
Ich könnte mir vorstellen, eine Liste mit wichtigen Details könnte hilfreich sein, potentielle Ausstellungsorganisatoren einzuschätzen. Diese Liste kann sicher je nach Anspruch und Fortschritt in der “künstlerischen Karriere” ausgeweitet werden und wird im Einzelfall sicher individuell veränderbar bleiben.
Ich versuche heute mal eine “Minimalliste” für den Normalfall einer solchen partnerschaftlichen Ausstellungsform bei öffentlichen Einrichtungen, Banken oder Firmen zu skizzieren (nicht angesprochen sind somit Messen, Galerie-Ausstellungen oder von dem/der Kunstschaffenden selbst organisierte Ausstellungen) :
- grobe Arbeitsteilung: Der Veranstalter der Ausstellung ist im beschriebenen Fall die Bank, die öffentliche Einrichtung oder eine Firma, nicht der Künstler oder die Künstlerin. Das heißt in der Regel, dass die Organisatoren Räume und Aufhängsysteme (kostenlos) stellen, Einladungen erstellen, drucken (lassen), versenden und die Hauptveranstaltung(en) organisieren (mit Personal, eventuell Catering, eventuellen Programmpunkten und Finanzierung).
Die Künstlerin oder der Künstler bringt seine Werke ein und sich. Sie/er liefert alle zur Organisation notwendigen Vorbereitungen: genügend, eventuell auf Passung abgesprochene (Bäh!), attraktive Werke, Rahmungen, Vorlagen für Einladungen, Biografie und ähnliches, Transport (kann später in der Laufbahn mal übertragen werden), Beratung und Hauptarbeit bei der Platzierung der Werke,…
- Publikum? Es reicht nicht aus, bei einer Ausstellung ausschließlich auf das Kunstinteresse des Publikumsverkehr zu hoffen. Daher bieten die Aussteller der Künstlerin oder dem Künstler eine Möglichkeit einer eigens für/wegen die Kunst organisierte Veranstaltung, in der primär ihre/seine Kunst im Mittelpunkt steht (Vernissage, Finissage, andere Events). Dabei kommen sowohl Gäste des Veranstalters als auch Gäste des Künstlers oder der Künstlerin.
- noch Fragen? Der Veranstalter klärt frühzeitig auftauchende Fragen der Künstlerin/ dem Künstler (halbes bis ganzes Jahr vielleicht) direkt mit dem Entscheider und ist bereit, alle Datailfragen zu klären.
- Einladungen? Diese ergehen entweder öffentlich oder/und in sehr großer Zahl (ab 50, mit mehr Ausstellungserfahrung wesentlich mehr). Nach Adressangaben durch den Künstler/ der Künstlerin laden die Veranstalter auch die Kunstinteressenten aus dem Kreis der/des Kunstschaffenden ein (nach Möglichkeit ohne Limit, mindestens zu gleichen Teilen). Es wird gemeinschaftlich geklärt, was bei zu wenigen Anmeldungen geschieht und wie viele Rückmeldungen zu wenig sind.
- Presse?Der Veranstalter lädt zur Hauptveranstaltung die (regionale) Presse ein.
- Kosten/Provision ? Außerhalb der Herstellung und des Transports der Ausstellungsobjekte trägt der Veranstalter sämtliche Kosten und in der Regel muss sich der Künstler oder die Künstlerin bei diesen partnerschaftlichen “Marketingausstellungen” nicht finanziell an den Veranstaltungen beteiligen. Er/sie bezahlt in der Regel keine Provision oder Prozente an die Aussteller in vorliegender Art.
- Versicherung der Werke? Der Veranstalter versichert die Ausstellungsobjekte in von dem/der Kunstschaffenden angegebenen Höhe. (!)
- Der Veranstalter ermöglicht außerhalb der Hauptveranstaltung(en) über die gesamte Ausstellungszeit regelmäßigen öffentlichen Zugang zur Ausstellung.
Ich denke, dass bei Fehlen einer dieser Punkte durchaus Zweifel an der ausgeglichen zweiseitigen, partnerschaftlichen Sichtweise einer Ausstellung angemeldet werden können. Überwiegend habe ich positive Erfahrungen machen dürfen. Dasselbe wünsche ich Ihnen!
Thomas Brill