Mai 01 2008

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Thomas Brill

Winter 05/06: Sehhunger oder warum sie noch malen, die Maler

Abgelegt 21:53 unter warum malen?

Sehhunger oder warum sie noch malen, die Maler

Auf die Frage, wie er sich immer wieder motiviere, neue Rezepte zu kreieren, antwortete Johann Lafer einmal, dass er vor allem gerne esse und immer gespannt sei, neue Kombinationen zu schmecken. Für unser Metier hieße das zunächst, dass wir die Lust am Sehen und Denken nicht verlieren dürfen, oder?

Neues sehen zu wollen bildet die Basis, Neues malen zu können.

Dabei muss die neue Komposition nicht auf das Sehen eben einer bestimmten gesehenen Komposition zurück gehen. Vielmehr lösen manche Bilddettails in sehhungrigen Menschen Denklinien an, die sich zu Bild-Kompositionen zusammenraufen können – zuweilen über Wochen und fast immer mit einem so langen Weg, dass von dem Auslöserbild nichts mehr übrig ist.

Für mich persönlich erlebe ich diesen Sehhunger. Wie schätzen Sie das ein – sind Sie augenblicklich sehhungrig? Ich für meinen Teil stibitze immer noch meiner Frau ihre Zeitschriften und durchwühle sie nach Bildern, die funktionieren. Immer noch surfe ich wild zwischen Künstler- und Fotografenseiten hin und her und schaue mich hungrig um. Für sehhungrige scheint das Internet ein Schlaraffenland. Wann und wodurch Sehhungrige wohl zu Sehsüchtigen werden? Vielleicht hat sich ja jemand bloß verschrieben, als er einem Künstler “Sehnsucht” attestierte und einszwei hatte der Begriff eine Bedeutung für jedermann und jedefrau, gleich wie kunstschaffend sie in ihrer Seh(n)sucht war.

Oft ist es ja nur ein Bildausschnitt, ein Detail, enscheidend bleibt das Einfangen des Blickes durch das Gesehene und das Fangen der gleich kommenden Gedanken.

Gute Bilder sprechen nicht immer die Erfahrungen des Betrachters an, sie fangen vor allem die Gedanken ein, die er in wenigen Augenblicken erst haben wird.

Ein Bild ist ein gutes Bild, wenn es gleich die Gedanken und Blicke bestimmen wird. Bleibt die oder der Sehende nicht hängen am Bild (egal ob mit den Augen, mit den Gedanken oder später mit der Erinnerung), dann wird es für sie und ihn kein funktionierendes Bild. Und geht es dem Bild bei vielen Sehenden so, dann ist es kein gutes.

Ein gutes Bild ist in der Lage die baldige und spätere Erinnerung zu beeinflussen. Es wird Linien erkennen lassen, Erinnerungsdetails hervorrufen, Vergleiche anstellen lassen und Farben fühlen lassen. “Gute Bilder sind wie Kletten im Kopf, man kriegt sie nicht mehr aus den Augen.”

Somit ist ein gutes Bild visionär. Es bestimmt die Zukunft des und der Sehenden mit, wenn es gut ist. Ein Bild kann somit gerechter Weise nur aus der Zukunft heraus, nicht betrachtend, sondern nur rückbetrachtend gewissermaßen, bewertet werden.

Aus der Kunstgeschichte wissen wir, dass manche Bilder etliche Geduld brauchten, bis die Erinnerung an sie die Sehenden einholten, andere warten noch.

Der Bildgestaltende tut gut daran, diese unsichere Zukunft seines Bildes nicht allzusehr in den Vordergrund seines Gestaltens zu stellen. Vielmehr soll er aus dem Gesehenen schöpfen und aus ihm heraus schöpferisch sein. Dann geht es ihm und seinen Bildern wie den Jahreszeiten, die aus dem Schöpfen, was war, um Neues zu schaffen. “Maler zu sein bedeutet, aus Altgesehenem wiederkehrend Neues zu schaffen. Maler brauchen Sehhunger, um gut malen zu können.”

“Ich hab mich an dir satt gesehen” kann nur von einem Kunstschaffenden stammen, der sich aufmacht zu Nochnichtgesehenem. Die Bilder selbst können nichts dafür, für sie ist dies keine Beleidigung. Bilder lassen sich nämlich kaum durch individuelle Aussagen treffen, sie brauchen ein Vielkopfpublikum, nur durch viele Misserfolge beim Übernahmeversuch der Gedanken, Blicke und Erinnerung der Sehenden lässt sich auf ihre Qualität Rückschlüsse ziehen.

Ich selbst bleibe sehhungrig, merke ich. Mein Ideenbuch wächst derweil an Füllung. Ich werde unruhiger, hab vielleicht zuviel Sehkost zu mir genommen und muss mich mal wieder bewegen, mich auf den Pinsel schwingen, könnte die Leinwand hochgehen oder zumindet ein paar Bahnen ziehen.

So wünsche ich am Ende: Kosten Sie weiter alle Bilder im Kopf, sehen Sie sich nicht satt, bleiben Sie sehhungrig und viel Freude beim Kunstschaffen oder auch beim puren Sehen.

Viele Grüße

Thomas Brill

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