Mai 01 2008
Warum ich male.
Oder die Zeitmacht des Kunstwerkes
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Warum ich male.
Oder die Zeitmacht des Kunstwerkes
Auch die Bildende Kunst unterliegt in faszinierender Art der Kategorie Zeit. Dabei geht es mir hier nicht um die Zeit, die man benötigt, um ein Werk zu schaffen – sie ist äußerst unterschiedlich und gibt kaum Aufschluss über das Endprodukt.Hier geht es mir um die Zeit des Kunstbetrachtens.
Inwieweit beeinflusst mein Werk das Zeitempfinden der Konsumierenden? In dieser Frage gibt es enorme Unterschiede zwischen den Kunstmedien. Auf einer Zeitleiste bildet zum Beispiel der Film feste Vorgaben im Unterschied zu den Produkten der Bildhauerei, Malerei oder Fotografie: Der Film drängt den Blick in seinem Tempo weiter, das Foto lässt dem Blick alle Zeit, die er braucht und will.
Egal ob der Schnitt des Films reduziert und langsam ist oder wie lange die Einstellungen sind – einem Film ist eigen, fortlaufend veränderte Bilder zu zeigen. Der Film lässt den Einzelbildern nicht Zeit, nach Ermessen des Schauenden intensiv betrachtet und bedacht zu werden, sondern hetzt fortlaufend die Gedanken des Betrachtenden weiter.
Beim Film bestimmt das Kunstwerk selbst, wie lange die Betrachtungszeit einer Einstellung ist. Der Film bestimmt sogar die Gesamtzeit der Betrachtung der Zuschauer oder die Zuschauerin, zumindest wenn sich die Zuschauerin oder der Zuschauer das Werk ganz anschaut. Sowohl in der Summe als auch bei den einzelnen Bildern gibt das Video also die Zeit vor und bevormundet so in gewisser Weise die zeitliche Selbstbestimmung der Zuschauerinnen und Zuschauer.
Gemälde und Fotos sind im Gegensatz dazu sozusagen statische Ergebnisse bildender Kunst. Sie ermöglichen dem Betrachter und der Betrachterin in Sachen Zeitgestaltung fortwährend ein selbstbestimmtes Betrachten. Wenn man es will, sind statische Kunstwerke in Bezug auf die Zeit großzügiger als der Film.
Denn Fotografien, Plastiken und Skulpturen oder Gemälde lassen die Betrachtenden entscheiden, wann sich der Blick auf einen Ausschnitt richtet oder wie lange er an einem Detail verweilt. Die Zeitmacht bleibt beim Zuschauer und bei der Zuschauerin. Im Unterschied dadurch flattern beim Film-Video die Bilder weiter. Die Macht über die eigene Blickzeit ist bei den statischen Kunstwerken ungleich höher als beim Film.
Maler lassen dem Betrachter volle Zeitfreiheit.
Als Zeitverzögerer genieße ich diese Freiheit.
Das Standbild, das es beim heimischen Zuschauen als Zusatzmöglichkeit gibt, reduziert die Gängelung des Filmes ein wenig. Bei Videoinstallationen im Museum oder im Kino fehlt diese Möglichkeit ganz. Auch der Stillprint eines Videos kann als Reaktion der Filmemacher auf die fehlende Zeitfreiheit gesehen werden, um der Vergänglichkeit des Filmmomentes Herr zu werden. Der Vergänglichkeit des Blickmomentes folgt der Drang, das einmal gewählte Programm lückenlos zu verfolgen.
In meinen Augen sind dadurch Film und Fernsehen die Medien unserer Zeit mit dem höchsten Beschleunigungsgrad: Sie nehmen dem Betrachter weitgehend die Möglichkeit, selbstständig innezuhalten, sich selbst Details auszusuchen, den Blick schweifen zu lassen und vor allem beliebig viele Male oder beliebig lange eine Einstellung zu sehen. Film und Fernseher nehmen dem Betrachter die Zeitmacht über ihren Blick.
Ein Zeitungsartikel lässt sich mehrmals lesen. Ein Foto lässt sich bei unterschiedlichem Licht und veränderter Perspektive und Nähe betrachten. Auf ein Gemälde kann man sich in unterschiedlichen Stimmungen einlassen – mit unterschiedlichen Ausschnitten. Genau so ist es auch mit Internetartikeln, Emails, Zeitschriften: sie alle ermöglichen einen selbstbestimmten Umgang.
Beim Fernsehen hingegen wechselt die Zeitmacht von der Nutzerseite hin zum Medium. Darin steckt die Gefahr der Zeitentfremdung und letztlich einer Beschleunigung. Bleibt nur die Hoffnung – zum einen auf die Entschleuniger unter den Filmemachern und zum anderen auf die Mündigkeit selbstbestimmender Zuschauer und Zuschauerinnen.
Mit welcher Begrifflichkeit lässt sich der unterschiedliche Umgang mit Zeit beschreiben?
Bei erzählenden Texten unterscheiden Literaturwissenschaftler erzählte Zeit und Erzählzeit: Erzählte Zeit meint die Zeitspanne, die innerhalb der Geschichte erzählt wird, z. B. von der Geburt bis zum Tod eines Menschens: vielleicht 60 Jahre. Erzählzeit meint demgegenüber die Zeit, die man zum Rezipieren oder Rezitieren dieses Textes braucht, z. B. zwei Stunden. Zwischen Erzählzeit und erzählter Zeit ensteht ein Verhältnis, das über Zeitsprünge und Zeitdehnungen Auskunft geben kann. Diese Unterscheidung klappt auch beim Film.
Statische Werke der Bildenden Kunst zeigen aber in der Regel kein Geschehnis, das auf einer Zeitskala abgebildet werden kann. Daher ist diese Unterscheidung hier unbrauchbar. Man bräuchte eine Kategorie wie “Betrachtungszeit”. Und hier ist der eigentliche Unterschied identifizierbar:
Beim Film ist die Betrachtungszeit vorgegeben, bei den statischen Kunstwerken ist die Betrachtungszeit offen.
Sicher geht auch von statischen Produkten bildender Kunst der Versuch aus, die Blicke der Betrachterin und der Betrachter zu binden, und somit versuchen auch sie, Zeitmacht über die Rezipienten zu erlangen. Es könnte jemand meinen, dass die Betrachtungszeit einer schwierig zu lösenden optischen Täuschung tendenziell höher liegen könnte als bei einem Monochrom-Blau eines Yves Klein. Aber die Stärke der selbstbestimmten Zeit statischer Werke wird hier deutlich: man weiß es eben nicht, wie der Betrachter und die Betrachterin mit meinem Werk umgeht.
Natürlich kann auch ein Kinozuschauer rausgehen und die Fernsehzuschauerin ausschalten. Mir gefällt aber, dass die Maler, Fotografen und Bildhauer den Rezipienten selbst dann ihre Zeitmacht lassen, wenn diese sich auf ihr Werk einlassen.
Darüber hinaus sagt es mir als Zeitverzögerer zu, dass z. B. bei der Malerei die Herstellungszeit nicht zurückverfolgt werden kann. In Kunstwerken der Malerei stecken manchmal Minuten und manchmal Jahre. Das Verhältnis Malzeit – Betrachtungszeit ist außerordentlich vielfältig. Wenn’s gut läuft, gelingt es mir mit einem Bild (gleich ob es in Minuten oder Jahren geschaffen wurde), den Blick für einen Moment zu fangen. Im besten Falle gelingt es einem Bild, die Gedanken und das Interesse der Betrachterin und des Betrachters zu fangen und ihn somit eine längere Zeitspanne zu beschäftigen.
In Sachen Gemälde ist die Betrachtungszeit resümierend eine selbstbestimmte. Betrachtet eine Kunstinteressentin ein Bild von mir, bleibt die Frage: Wie lange betrachtet sie das Bild, wie lange denkt sie darüber nach, wie lange kommuniziert sie mit dem Bild und auch über das Bild, wie lange wird die Erinnerung daran anhalten? Diese Betrachtungszeit kann sich natürlich auch splitten und muss nicht “am Stück” aufgebracht werden: immer wieder kurze Momente, in denen der Blick gefangen wird, summieren sich zu einer Gesamt-Betrachtungszeit.
Die Zeit auf Seiten des Rezipienten (für das Betrachtens eines Kunstwerkes, für die Gedanken darüber oder später für die Erinnerungen daran) könnte nach all diesen Gedankengängen auch ein Qualitätskriterium für Kunst werden.
Zeit als Kunstkriterium? – ein interessanter Gedanke.
Dieses Kriterium der Zeit greift übrigens dann auch wieder beim Film. Wie gezeigt lässt der allerdings während seiner Darbietung weniger Selbstbestimmung zu. Bei ihm folgen die Gespräche über ihn, die Reflexionen und die Erinnerungen an einzelne Einstellungen und Situationen.
Der Betrachterin und dem Betrachter die Freiheit des Blickes zu lassen macht für mich das Malen aus. Und doch reizt mich der Vielleicht – Einfluss auf die Zeit der Sehenden. Denn im besten Falle kann ich als Maler mit einem funktionierenden Bild irgendwann einmal einen womöglich schnellen Zeitfluss der Betrachterin oder des Betrachters verzögern.
Warum ich male. Der Zeit Bilder in die Beine werfen – das reizt mich an der Malerei.
Eine gute Zeit!
Thomas Brill
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